Genesung

AMG_17.01.A29_(Film7804_28)
Mostviertel, Österreich. 2017

Dass ich auf dem Weg der Genesung bin, merke ich jeden Tag an meinen beiden Armen. Am rechten Arm, wie der Bewegungsradius Woche für Woche ein Stückchen größer wird und am linken Arm, wie die Thrombose Woche für Woche ein bisschen kleiner wird. Ich freue mich, dabei zuzusehen, wie mein Körper sich selbst heilt.

Reha-Rückblick

Zweieinhalb Wochen bin ich wieder von meinem Rehabilitationsaufenthalt in den Salzburger Bergen zurück. Es hat mir sehr gut getan, täglich Frischluft zu schnuppern. Der Ausblick auf die Berge. Der Wald im Rücken. Die Natur rundherum. Das Abstoßungsgefühl der Stadt ist natürlich auch wieder gekommen. Die Rückfahrt fiel mir schwer. Schräg war, wie mich das Stadtleben innerhalb weniger Stunden wieder vereinnahmt hat. In diesem Punkt weiß ich immer noch nicht, was ich will. Ist es die Stadt oder ist es das Land? Dazu aber ein anderes Mal mehr.

Die Reha war gut, keine Frage. Was sie mir wirklich gebracht hat, werde ich vielleicht erst mit ein wenig Abstand sagen können. Ich habe eine Handvoll Physio- und Ergo-Einzeltherapien erhalten, einige Gruppentherapien in Schulter-/Arm-Gymnastik, Koordinations- und Gleichgewichtstraining, Achtsamkeit und Traumreisen, etliche Strombehandlungen gegen die Polyneuropathie und für die Schulterblattmuskulatur, drei Lymphdrainagen, vier Psychotherapie-Einzelsitzungen, viele Vorträge, eine berufliche Rehabilitationsberatung sowie eine Fußreflexzonenmassage und eine Rückenmassage. Ich habe einige liebe Menschen kennengelernt und wenige Unangenehme. Ich war mindestens jeden zweiten Tag wandern oder spazieren und hab es genossen, im Schnee zu sein und Weiß zu sehen.

Ebenfalls Teil der Reha war ein Kraft- und Ausdaueraufbauprogramm. Obwohl ich dem Fitnesstrainer sagte, wir müssten mit dem Gewicht aufpassen, um meinen Arm nicht zu überfordern, war es trotz geringen Gewichtseinsatzes nach einigen Tagen gleich mal zu viel. Tagelange Muskelschmerzen waren die Folge, ich setzte das Schultertraining aus und konzentrierte mich auf Beine und Ausdauertraining am Ergometer. Das Radeln tat mir mental gut, schließlich saß ich seit Jänner nicht mehr am Fahrrad. Die Übungen der Schulter-Arm-Gruppe reichten als Belastung für die rechte Schultergelenkskapsel und die umliegende Muskulatur aus. Meine Physiotherapeutin konzentrierte sich somit nur noch auf passive Mobilisation und meinte, ich müsse erst einmal dafür sorgen, die Beweglichkeit des Arms zu erhöhen, bevor ich mit dem Krafttraining beginnen sollte. Meine Ergotherapeutin beschränkte sich lediglich auf die Narbenbehandlung. Viel geht ohnehin nicht weiter in den Therapiesitzungen, da sie immer nur fünfundzwanzig Minuten dauern.

Zur Erfolgskontrolle und als Nachweis gegenüber der PVA, der Pensionsversicherungsanstalt, die die Hauptfinanzierung der Rehabilitationsmaßnahmen übernimmt, musste die Physiotherapeutin mit mir am Anfang und am Ende des Aufenthalts einen Konditionstest durchführen. Der bestand darin, einen langen Gang für sechs Minuten mit voller Geschwindigkeit auf und ab zu gehen. Aber nur gehen, nicht laufen. Beim ersten Test sagte sie schon, dass ich mich vermutlich anstrengen müsse, um meine eigene Zeit zu schlagen und am Ende meinte sie, dass ich vielleicht den Reha-Rekord geschlagen hab. Es gibt zwar keine offiziellen Aufzeichnungen über Bestzeiten, sie hatte aber in ihren vier Jahren, die sie jetzt dort ist, keinen Patienten, der mehr als meine 830 Meter in sechs Minuten geschafft hat.

Aktueller Stand

Das Lymphödem in den Beinen ist, vermutlich durch die Lymphdrainagen, wesentlich besser geworden. Ich hab mir nach meiner Rückkehr von der Hausärztin eine Verordnung geholt und sie von der Krankenkasse bewilligt bekommen, muss mir aber erst einen Physiotherapeuten suchen, der diese Behandlung an mir durchführen kann.

Mein Ergotherapeut hat mir mitgeteilt, ab nächstem Jahr nicht mehr in der angestammten Praxis zu behandeln. Jetzt will ich ihn dazu bewegen, wenigstens privat mit mir weiter zu arbeiten. Daheim ist es halt nicht das Gleiche. Wenn jemand eine tolle Therapie- oder Massageliege zu verschenken hat oder günstig zum Verkauf anbietet: Sachdienliche Hinweise bitte an mich!

Wie berichtet ist die Thrombose in meinem linken Unterarm besser geworden. Der Ultraschallarzt meinte damals, sie könne sich auflösen, wenn sie jünger als zwei Wochen wäre. In den vergangenen zwei Monaten hab ich täglich mehrmals Hirudoid-Salbe aufgetragen und – in der Tat – die Verdickung der Vene ist fast-nicht-mehr-wahrnehmbar-klein geworden.

Die Kontrolluntersuchung auf der Schilddrüsenambulanz hat ergeben, dass die Schilddrüsenüberfunktion ebenfalls im Rücklaufen begriffen ist. Davor nahm ich eine Viertel Tablette täglich ein, danach musste ich eine Woche Pause einlegen und nehme seitdem eine Viertel Tablette drei Mal in der Woche. Die nächste Kontrolle ist nach zwei Monaten, Mitte Februar. Herzrasen hab ich ja schon lange keines mehr.

Immer noch arg geht es aber meinem Temperaturhaushalt. Mit der leichter werdenden Schilddrüsenüberfunktion sind die Hitzewallungen nur noch ganz selten. Manchmal ist mir nach dem Essen einer Suppe heiß, aber das ist sicher normal. Aber immer noch ist mir eben oft kalt, vorallem in den Hängen und Füßen. Dicke Socken und heiße Teetassen zum Anwärmen der Finger helfen leider wenig. Deshalb beginne ich langsam, nach TCM wärmende Lebensmittel zu mir zu nehmen.

Mit den Blutuntersuchungen auf der Schilddrüsenambulanz hab ich gleich noch meinen Vitaminstatus testen lassen. Das Ergebnis ist höchst positiv! Kalzium, Vitamin D3, Vitamin B6, Vitamin B12 und Folsäure sind wieder im Normbereich. Das Blutbild ist noch nicht ganz in Ordnung, aber das wird auch wieder werden. Jedenfalls hab ich kurz vor Weihnachten meinen ersten Schnupfen der Saison ausgefasst. Ich bin schon ein bisschen stolz, dass ich trotz durch die Chemotherapie geschwächten Immunsystems so lange durchgehalten hab.

Die Symptome  der Polyneuropathie machen sich manchmal auch noch in meinen Fingern bemerkbar und die Fingerspitzen von Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger sind immer noch etwas schmerzempfindlich.

Leichte Muskelschmerzen stehen auf der Tagesordnung, aber das kümmert mich nicht, schließlich müssen die Fasern wieder richtig zusammenwachsen und einzelne Muskeln gedehnt werden.

Erste Nachsorge

Mitte Dezember wurden neue MRT-Bilder der Schulter angefertigt. Wieder im gleichen Institut wie damals bei der Diagnose im April. Der Assistent konnte sich sogar an mich erinnern. Weil der Fall so selten ist, bei einem Seminom eine solitäre Knochenmetastase zu haben. Da der Bildvergleich zum MRT vom September länger dauert, bekam ich den Befund und die Bilder nicht gleich, sondern wurde über das Wochenende vertröstet. Bei der Abholung hab ich mir natürlich sofort den Befund aus der orangenen Tasche gefischt. Für mein medizinisches Laienwissen liest er sich ok, wenngleich ich mir eine bessere und schnellere Genesung erhofft hätte. Das Gute ist: Es sind viele Nekrosen sichtbar (abgestorbenes Tumorgewebe) und der Tumor ist insgesamt geschrumpft. Die Bilder gleichen einem Bombenfeld. Klar, da er ja bestrahlt wurde. Genaueres kann ich erst nach der Besprechung mit dem Tumororthopäden am 8.1. sagen.

Vergangene Woche hab ich die Termine für die erste Nachsorgeuntersuchung verifiziert. Auf der Onkologie bestätigte man mir den PET-Scan in der ersten Jänner-Woche. Tags darauf rief ich auf der Nuklearmedizin an, um nachzufragen, wie lange vorher ich nüchtern sein muss, da sagten sie, ich hätte keinen Termin, weil sie gar kein (radioaktives) Mittel hätten, in der ganzen Woche nicht, und deshalb keine Untersuchungen durchführen. Erst ab der nächsten Woche. Außerdem stünde auf der Anforderung der Onkologie, zusätzlich eine CT-Korrelation durchzuführen. Diese könne aber nicht mit den alten CT-Bildern vom September gemacht werden und das neue Gerät ist erst ab der dritten Jännerwoche im Vollbetrieb, also könne ein kombiniertes PET-CT erst dann gemacht werden. Ich bat, sie sollen das mit der Onkologie abstimmen. Der neue Termin ist jetzt der 9.1. und am 11.1. bin ich dann zur Besprechung bei meiner Onkologin.

Dieser Tage

Die letzte Adventwoche nutzte ich wieder zum Schreiben. Ich war zwei Mal in der Schreibwerkstatt, hab eine Kurzgeschichte für eine Anthologie geschrieben und Freundin M. Feedback auf das Manuskript ihrer neuen Novelle geschickt. Am Mittwoch der letzten Adventwoche fand eine kleine Weihnachtsfeier in der WG inklusive gemeinsamem Kochen und UNO-Spielen statt. Die Freundin meines Mitbewohners hat ein nettes Gemeinschaftsgeschenk mitgebracht, vielen Dank liebe N.!

Freitagnachmittag verließ ich dann die Stadt, verbrachte den Rest des Tages bei meinem besten Freund R. und seiner Familie, spielte mit den Kindern, tratschte lang mit ihm und seiner Frau. Tags darauf besuchte ich meinen lieben Freund A., um ihm endlich mal mein Weisengeschenk zur Geburt seines dritten Kinds zu bringen (was schon über ein Jahr her ist). Zu Mittag war ich dann bei meinem besten Freund M. und seiner Familie eingeladen, wir aßen und tratschten lang und gegen Abend machte ich mich dann auf den Weg ins Mostviertel zu meiner Familie.

Sofern nichts dazwischen kommt, werde ich bis zum 7.1. hier bleiben, viel mit meinen Neffen spielen, mit meinen Schwestern und meiner Mutter tratschen, schreiben und lesen. Vielleicht geht sich eine nette Winterwanderung aus. Der Text, den ich vergangene Woche gepostet habe ist vom Projekt *.txt veröffentlicht worden (auf Twitter und Facebook). Er ist übrigens ursprünglich im Zuge meines ersten Schreibseminars im Oktober entstanden.

Der Schnupfen ist heute schon wieder fast vorbei. Viel Schlaf, Tee mit frischem Ingwer, täglich mehrmaliges Inhalieren und der Verbrauch unzähliger Taschentücher haben der ständig laufenden Nase innerhalb knapp einer Woche Einhalt geboten. So gehe ich mit frischen Kräften ins neue Jahr. Alles Feine euch allen und guten Rutsch!

Werbeanzeigen

5 Kommentare zu „Genesung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s