Überstanden

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Fels, Tirol. 2012

»Herr Greiner, Sie sind pumperlgsund«, sagte meine Hausärztin, als ich mir den Befund der Gesundenuntersuchung abholte. Weil ich für die Krebs-Nachsorgeuntersuchung auf der Onkologie einen aktuellen Blutbefund mit meinen Tumormarkern brauchte, schlug sie im Oktober vor, mich gleich komplett durchzuchecken. Alle Werte befanden sich im grünen Bereich, bis auf die Werte des Differentialblutbildes. »Das ist kein Problem, denn Sie haben ohnehin genügend weiße Blutkörperchen«, erklärte sie.

Meine halbjährliche Kontrolle bei der Lungenfachärztin legte ich auch in den Zeitraum zwischen Gesunden- und Nachsorgeuntersuchung. »Ihre Lungenfunktion ist mittlerweile nahezu normal«, teilte sie mir mit und ich freute mich, dass die Chemotherapie keinen Schaden an meiner Lunge hinterlassen hat. Das Risiko bestand nämlich bei der Dreier-Zytostatikamischung, die ich erhielt. »Merken Sie, dass Sie leichter atmen, wenn Sie den Asthmaspray verwenden?«, fragte die Ärztin. »Nein«, antwortete ich, »aber es scheint sich wohl auszuzahlen.« Nächste Kontrolle wird vor der Pollensaison sein.

»Die Genesung ist erfreulich!«, gab sich mein Tumororthopäde zufrieden, als er die Bilder der jüngsten Magnetresonanztomografie sah. »Der Knochenschaft hat sich weiter stabilisiert, wenn er auch nicht so kompakt ist, wie ein gesunder Knochen.« Ich erzählte, dass ich wieder mit dem Fahrradfahren begonnen habe, und ließ mich abermals hinreißen, ihn nach einer Prognose zu fragen. »Sie müssen eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit dem Arm entwickeln«, sagte er. »Sie sind ja noch jung, es kann durchaus sein, dass der Knochen in den nächsten zehn Jahren noch weiter heilt.« Wieder im Fahrradsattel auf der Rückfahrt in die Stadt lächelte ich wegen seines Ausspruchs. Manchmal fällt es mir schwer zu greifen, dass mein Knochen komplett zerstört war, dass ich Krebs in der Schulter hatte. Die Bilder helfen mir, zu verinnerlichen und erinnert zu werden.

Tags darauf Kontrolle in der Onkologie. An den Schauplatz des Schreckens zurückzukehren, ließ meinen Magen zusammenkrampfen. »Herr Greiner!«, rief die Stationsassistentin am Empfang der Onkologie. »Wie geht es Ihnen? Wir haben Sie schon lange nicht gesehen.« »Na ja, das ist auch gut so«, antwortete ich mit einem Augenzwinkern, »danke, es geht mir sehr gut.« Ich legte ab und ging den Flur entlang zur Toilette, warf schnelle Blicke in die Krankenzimmer, sah die Schwestern beim Versorgen der Patienten und spürte, wie sich meine Schultern unbewusst hochzogen. Gefahr, sagten sie mir, entspannt euch, sagte ich ihnen, alles in Ordnung. Vor meinem inneren Auge blitzten Bilder der Chemotherapie auf, die in diesen Räumlichkeiten in meine Venen floss. Wie als hätte ich eine Schachtel aus dem letzten Eck des Kellers geöffnet, spürte ich wieder das Ausgeliefertsein, die Kraftlosigkeit, den Verlust des Appetits, die Veränderung meines Geruchs- und Geschmacksempfindens, die Schwellungen der Beine, Hände und des Gesichts, die Hitze und die Kälte, das Schwitzen und das Frieren, das Aushalten der Behandlung, das Abwarten der Besprechungen, das Ausharren und Durchhalten – und die Liebe, die ich durch die fast täglichen Besuche meiner Freunde erhielt.

»Sind Sie schon mit ihrem Buch fertig?«, fragte meine Onkologin, als wir uns in ihrem Arztzimmer hinsetzten. Ich erzählte vom aktuellen Projektstand und meinen anderen Schreibaktivitäten, während ich ihr die Befunde überreichte: Blut, Magnetresonanztomografie, Tumororthopädie. »Ich hoffe, Sie vergessen nicht, dass ich auch eines bekomme, wenn es erscheint«, erinnerte sie mich, blätterte die losen Ausdrucke durch und erfrischte ihr Lächeln. »Sehr schön! Beta-HCG ist unterhalb des diagnostizierbaren Bereichs.« Kein Rezidiv in Sicht. Wir diskutierten noch ein paar kleine Details in den Befunden, aber im Grunde gab es medizinisch nichts zu besprechen. Sie öffnete die Leitlinie für die Nachsorge von Krebspatienten, wir lasen gemeinsam nach und vereinbarten die nächste Blutkontrolle wie gehabt im Dreimonatsrhythmus und die nächste bildgebende Untersuchung im Jahresabstand: Das jüngste PET-CT war vor einem halben Jahr, also wird das nächste in einem halben Jahr sein, im Mai. Es ist das zweite Jahr nach der Krebsbehandlung. So freudig der Ausgang der Befundbesprechung auch war, ich hielt mich keine Sekunde länger auf der Station auf. Zu stark wirkten die Erinnerungen an das vergangene Jahr.

Die Arbeit an meinen Projekten läuft großartig. Endlich schaffte ich es, alle Beiträge für mein Achtsamkeitsprojekt »365 Mal achtsam« bis Jahresende fertig zu schreiben und vorauszuplanen. Die tägliche Veröffentlichung auf Twitter läuft nun ohne mein weiteres Zutun. Da das Projekt mit 31.12. endet und ich nachhaltig etwas damit anfangen möchte, frage ich gerade einige Druckereien an, mir bei der Produktion eines immerwährenden Kalenders und verschiedener Inspirationskartensets zu helfen. Darüber hinaus erhielt ich eine Interviewanfrage einer Bloggerin und schreibe momentan eine neue Kurzgeschichte fertig, besser gesagt: Sie befindet sich gerade im Lektorat und wenn die Herausgeberinnen der Anthologie »Briefe aus dem Sturm« sie annehmen, kommt sie nächstes Jahr im Juni heraus.

Da ich Mitglied in zwei Schreibgruppen bin, muss ich jetzt nicht mehr meine eigenen Schreibvormittage veranstalten, sondern kann ein bis zwei Mal pro Woche in den Räumen von Freunden schreiben und an meinen Projekten arbeiten. Weil es mir wichtig ist, Feedback zu meinen Texten zu erhalten, habe ich eine Feedbackgruppe ins Leben gerufen. Leider hat von den ausgeschriebenen Terminen erst ein einziger stattgefunden, aber auch das wird sich noch bessern. Für mein Buchprojekt habe ich angesichts dieser Liste an Tätigkeiten seit einigen Wochen gar nichts gearbeitet. Der Termin, den ich mir selbst gesetzt habe, bis Weihnachten mit dem Manuskript fertig zu sein, rückt immer näher und mittlerweile zweifle ich, dass ich ihn halten kann. Ich mache mir aber selbst keinen Stress. Wenn es nicht klappt, dauert es eben länger.

Die allerbeste Nachricht des vergangenen Monats ist aber, dass ich zum ersten Mal seit fast zwei Jahren wieder bouldern war. Die kletternden Menschen in der Boulderhalle fünf Minuten von meiner Wohnung entfernt zu sehen, ihr Stöhnen beim Durchziehen der Schlüsselstellen zu hören, den Geruch von Magnesium in der Luft zu vernehmen, und die raue Oberfläche der unterschiedlich geformten Klettergriffe wieder an den Händen zu spüren, hat mich schlagartig in eine Zeit vor dem Krebs katapultiert. Ganz langsam tastete ich mich voran, ließ Zug für Zug meinen Arm Last übernehmen und frohlockte innerlich bei den Bewegungen durch die Wand. Wie als wäre nichts geschehen, schloss ich an die alten Bewegungsmuster an. Was mir fehlte, war Kraft und Ausdauer. Trotzdem stieg ich einige mittelschwere Routen durch, allerdings nur, wenn sie nicht zu weit hoch an die Hallendecke reichten. Dort kam Sturzangst auf, was aber auch gut ist, denn wer weiß, ob meine Schulter einen Sturz aus drei Metern Höhe auf die Matte aushalten würde. Dennoch bin ich zufrieden.

Obwohl mein Arm endgradig noch immer eingeschränkt ist, habe ich davon in der Kletterwand nichts wahrgenommen. Ich merkte lediglich eine zusätzliche Anspannung in der Schultermuskulatur, die vermutlich auf einer unbewussten Schutzspannung beruht. Sie bedingt, dass ich die Kletterbewegungen langsamer ausführen muss, um dem Muskel nicht zu überdehnen, aber auch das stört mich nicht, denn das wird sich mit weiterer Übung sicher geben. Ich freue mich schon auf den Tag, an dem ich an meinen alten Schwierigkeitsgrad anschließe. Das wird jener Tag sein, an dem ich das letzte Schäuflein Sicherheit verinnerliche, dass mein Krebs überstanden ist.

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4 Kommentare zu „Überstanden

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